Wir fordern:

die grundsätzliche individuelle Kostenfreiheit für alle weiterführenden Bildungswege. Dies bezieht sich nicht nur auf die Ablehnung der direkten Erhebung von Studiengebühren, sondern auch auf alle Modelle von Bildungsgutscheinen und privatem Bildungssparen.

Studiengebühren in der Schweiz

17.04.2004 - 15:00 Uhr

von Peter Streckeisen


Anders als in vielen europäischen Ländern sind in der Schweiz die Studiengebühren nie abgeschafft worden. Es hat zwar auch so etwas wie eine fortschrittliche Bildungsreform stattgefunden, doch blieb ihr Ausmass im internationalen Vergleich äusserst bescheiden. Heute noch haben nur etwa 15% einer Altersklasse Zugang zu einer Ausbildung auf Hochschulstufe, und weniger als 10% erhalten ein Hochschuldiplom. Das liegt deutlich unter dem Durchschnitt der EU-Länder.

Zu Beginn der 90er-Jahre wuchs der politische Druck auf die Hochschulen: ‚Mehr Markt und mehr Wettbewerb‘ hiess das Leitmotiv. Der eigentliche Einstieg in die ‚marktwirtschaftlichen Reformen‘ gelang über eine Welle von Gebührenerhöhungen: Zwischen 1991 und 1995 wurden die Semestergebühren an den Universitäten ungefähr verdoppelt, von durchschnittlich 250 auf 500 Franken pro Semester. Gleichzeitig kam die Diskussion über Strafgebühren für sogenannte Langzeitstudierende und Extragebühren für Lateinkurse usw. in Fahrt. Im Zusammenhang mit diesen Massnahmen waren Mitte der 90er-Jahre erstmals seit über 30 Jahren rückläufige StudentInnenzahlen zu registrieren. Seit 1996 ist die Tendenz aber wieder deutlich steigend.

Ab 1995 kam die zweite Welle der ‚marktwirtschaftlichen Reformen‘ in Form einer grundlegenden Revision der Hochschulgesetzgebung nach den Leitsätzen des New Public Management. Parallel dazu wurden auch an verschiedenen Hochschulen die Studiengebühren nochmals angehoben. Sie liegen heute durchschnittlich bei gut 600 Franken pro Semester. Allerdings haben verschiedene ExponentInnen aus Politik und Wirtschaft immer wieder klar angedeutet, dass weit höhere Gebühren sowohl unumgänglich als auch wünschenswert seien. Der Erziehungsdirektor des Kantons Zürich, Ernst Buschor, hat im September 1999 eine Verdoppelung der Studiengebühren an allen Universitäten vorgeschlagen, kam damit vorerst aber bei seinen KollegInnen aus den anderen Kantonen nicht durch. Aus Unternehmerkreisen und seitens von neoliberalen ProfessorInnen wird zuweilen der Ruf nach kostendeckenden Studiengebühren laut. Der vor drei Jahren gegründeten halbprivaten Universität im Tessin (Lugano) kommt eine Vorreiterrolle zu: Dort werden Gebühren von 2000 Franken (4000 Franken für ausländische Studierende) pro Semester erhoben.

Die nächsten Jahre werden von entscheidender Bedeutung sein. Unter dem Druck steigender StudentInnenzahlen bei gleichzeitig bewusst zu knapp gehaltenen finanziellen Mitteln ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die Studiengebühren deutlich ansteigen werden. Ebenso könnte es zu einer Ausweitung der Zulassungsbeschränkungen (numerus clausus) kommen, die seit 1998 beim Medizinstudium gelten. Die StudentInnenorganisationen haben dieser Entwicklung bisher wenig bis gar nichts entgegenzuhalten. Immerhin haben in den letzten Jahren vereinzelt Mobilisierungen und Protestaktionen stattgefunden, darunter zwei Streiks an den Universitäten von Lausanne (Frühjahr 1997) und Neuchâtel (Herbst 1998). Der Dachverband der StudentInnenorganisationen (VSS) plant jetzt eine nationale Kampagne für die Abschaffung der Studiengebühren. Was dabei rauskommt, ist noch offen, auch in Bezug auf den Inhalt: Innerhalb des VSS gibt es nämlich eine Strömung, die zwar die Abschaffung der Studiengebühren befürwortet, als Ersatz dafür aber eine AkademikerInnensteuer vorschlägt. Andere Kreise verlangen die ersatzlose Streichung der Studiengebühren. In diesem Sinne wäre es die erste offensiv geführte Kampagne auf nationaler Ebene seit vielen Jahren.

 

Peter Streckeisen ist Redakteur "uninet" – Studierendenzeitung an der Uni Basel





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